Pflanzen nutzen leicht gemacht

Jedem Pfadfinder, Indianer oder Meuchelmörder sollte bei diesem Titel das Herz aufgehen. Jeder Hippie weiß etwas mit Pflanzen anzufangen, auch wenn seine Konsumierform von Pflanzen mit Sicherheit drastisch von der eines Hobbygärtners oder Homöopathen abweicht. Gerade in der Medizin sind pflanzliche Arzneimittel wieder hochaktuell geworden und feiern in so unterschiedlichen Bereichen ihre Renaissance, dass es so gut wie niemanden gibt, der sich noch keine Meinung über die Wirksamkeit von “Pflanzenheilkunde” gemacht hat. Nicht selten sind diese Meinungen relativ wenig von Fakten untermauert und nicht selten tendiert man dazu, allgemeingültige Aussagen zu treffen. Von diesen Meinungen möchte ich gerne einige aufgreifen um die schwarz-weiß Aussagen ein bisschen grau zu färben und auf die Gefahr hin, sie für Stammtischgespräche unbrauchbar zu machen, mit einigen Beispielen zu füttern. Dabei möchte ich mich gerne auf folgende oft gehörte Aussagen beziehen:

  1. “Pflanzliche Arzneimittel sind Placebo.”
  2. “Ein einzelner Wirkstoff ist besser, als ein Wirkstoffgemisch aus einer Pflanze.”
  3. “Pflanzliche Arzneimittel haben keine Nebenwirkungen.”

Um uns überhaupt eine qualifizierte Meinung zu pflanzlichen Arzneistoffen oder Phytopharmaka bilden zu können, müssen wir sie nach der Philosophie einteilen, mit der sie eingesetzt werden. Dazu greife ich einfach mal willkürlich die beiden populärsten heraus, nämlich Homöopathie und Allopathische Phytotherapie.

Mit dieser Unterscheidung steht und fällt die Frage danach, ob eine Phytotherapie ein Placebo ist.

Beiden Philosophien liegt zugrunde, dass Extrakte aus der ganzen Pflanze (auch Minerals bei der Homöopathie) verabreicht werden und nicht nur ein einzelner Wirkstoff.

Homöophathie beruht grob darauf, ein Agens, das alleine gegeben ähnliche Symptome verursacht wie die zu heilende Krankheit, diese Krankheit heilt, wenn es zuvor hoch verdünnt wurde. Verursacht z.B. der blaue Eisenhut Aconitum napellus Schüttelfrost bei Leberschädigung und resultierender Gelbsucht, liegt es laut der Homöopathie nahe, einen Auszug aus dem Eisenhut soweit zu verdünnen (Homöopathen sagen “potenzieren”), dass er mit herkömmlichen Labormethoden nicht mehr nachweisbar ist und ihn bei Gelbfieber zu verabreichen, das ähnliche Symptome aufweist, wie eine Eisenhutvergiftung. Damit sind homöopathische Medikamente die einzigen, die umso teurer werden, je weniger Wirkstoff enthalten ist. In klinischen Studien konnten sie sich bis jetzt nie gegen ein Plazebo durchsetzen.

Unter Allopathischer Phytotherapie hingegen versteht man die Gabe von Medikamenten mit der gleichen Philosophie, wie sie auch die moderne Schulmedizin vertritt:

  1. Je höher die Dosis ist, desto mehr Wirkung (evtl. auch Nebenwirkung) tritt ein.
  2. Die Wirkung muss durch Studien belegt sein.

Alleine aufgrund der Forderung, dass die Wirkung durch Studien im Vergleich mit einem Placebo überlegen sein muss, lässt sich ohne Weiteres sagen, dass allopathische Phytotherapie definitiv kein Placebo ist.

Nun stellt sich selbstverständlich die Frage, warum überhaupt pflanzliche Mittel verabreicht werden sollten, die aus bunten Stoffgemischen bestehen, die man nicht einmal vollständig kennt, geschweige denn ihre Wirkung benennen kann, wenn es Arzneimittel gibt, die aus einem einzigen synthetischen Wirkstoff bestehen, über dessen Wirkung an bestimmten Rezeptoren dutzende von Doktorarbeiten eingereicht wurden, so dass man annehmen darf, alles über den Wirkstoff zu wissen, was es zu wissen gibt?

Dazu lässt sich sagen, dass man über die einzelnen synthetischen Wirkstoffe in der Tat eine ganze Menge weiß, aber immer noch wahnsinnig wenig darüber, wie der Körper im Detail oder über einen langen Zeitraum hinweg auf sie reagiert. Hormonpräparate bestehend aus Östrogenen und/oder Progesteronen (alles wunderbar erforschte körpereigene Substanzen) werden millionenfach hauptsächlich zur Empfängnisverhütung („Pille“) oder zur Linderung von Wechseljahrsbeschwerden verschrieben. Und das obwohl niemand weiß, warum genau eigentlich Östrogene Brustkrebs verursachen, zu Thrombosen führen und bei Schwankungen die gefürchtete PMS-Symptomatik auslösen. Wir sehen lediglich in klinischen Studien, dass die Risiken vertretbar sind und die Zulassung daher berechtigt ist.

Aus diesem Grund plädiere ich dafür, das Argument, man wisse ja nicht, was genau man zu sich nimmt, nicht zählen zu lassen. Was die klinischen Studien betrifft, ist leicht zu sehen, dass einige Phytopharmaka ihren synthetischen Kollegen überlegen sind, obwohl die einzelnen Wirkstoffe keine nennenswerte Wirkung haben.

Einige Beispiele:

Die Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) lindert hervorragend Wechseljahrsbeschwerden und hat dabei ein viel niedrigeres Risikoprofil als klassische Kombinationspräparate von Gestagenen und Östrogenen (Studien haben gezeigt, dass diese zwar Darmkrebs und Knochenbrüchen vorbeugen, aber durch Kreislaufkrankheiten- und Brustkrebsförderung die Letalität sogar erhöhen!).

Der Efeu (hedera helix) ist bisher das einzige Mittel, das sowohl Expectorans (Schleimlöser) als auch Antitussivum (Hustenlinderer) ist und somit kranken Kindern eine ruhige Nacht bescheren kann.

Das Johanniskraut (Hypericum perforatum) wirkt antidepressiv und führt zu weniger Abhängigkeit als vergleichbare synthetische Mittel.

Bei allen diesen Mitteln ist kein Wirkstoff alleine für den beobachteten Effekt zuständig, sondern das Zusammenspiel der einzelnen Bestandteile führt zum gewünschten Effekt.

Nun sollten einen die geringen Risikoprofile nicht dazu verleiten, bedenkenlos Phytopharmaka zu konsumieren. Wie bei allen Arzneimitteln gilt: Was keine Nebenwirkung hat, hat auch keine Wirkung. Also immer schön den Beipackzettel lesen und wenn man keine Nebenwirkungen findet, Packung zurückstellen. Ansonsten Arzt oder Apotheker fragen.

 

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